Damit war es natürlich nicht getan.
So läuft das nicht.
Du bekommst keinen Plan und alles ist wieder Friede Freude Eierkuchen.
Ja. ok. Du bekommst einen Plan ABER deswegen läuft es nun einmal nicht.
Nein, es geht auf und ab. Manchmal bleibst du tagelang unten. Wochenlang.
Bewegst dich nicht aus dem Bett. Wäschst dir nur noch jeden fünften Tag die Haare und Netflix steht dir näher als jeder Freund.
Da war ich also. In Therapie. Wir redeten. Arbeiteten auf. Analysierten und drehten uns im Grunde immer nur im Kreis. Ich kann euch schon jetzt sagen, dass die Therapie mir persönlich rückblickend absolut nichts gebracht hat. Nichts - außer einen geregelten Tagesablauf.
Denn eben diese Tage. Diese drei Tage in der Woche in denen ich zu meinen 90 Minuten Gesprächen ging waren die Tage an denen ich mich wirklich aus dem Bett bewegte. Es ist nicht so, dass ich die restlichen vier Tage nur mit meinem Kissen verbrachte - schließlich bin ich eine Hundemama und wie das nun einmal ist muss eben dieser ab und an vor die Tür. ABER wäre dieser kleine Kerl nicht gewesen - so hätte ich den Ehevertrag eben genauso gut mit meiner Wohnung unterzeichnen können.
Nach ca. 8 Monaten beendete ich die Zusammenarbeit mit dieser Praxis. Dies hatte keinen besonderen Grund. Ich für mich bemerkte einfach, dass das nicht ausreicht. Das etwas fehlte. Ein ganz entscheidender Schritt.
Meilenstein - es mehr als offiziell machen
Was das für mich bedeutet?
Nun ja bis zu diesem Punkt wussten zwar mein Ehemann, und einige Freunde Bescheid aber etwas fehlte. Eine höhere Instanz. Etwas vor dem ich immer Angst hatte. Und nein, ich rede nicht davon es meiner Familie zu sagen. Tatsächlich habe ich es zB meiner Schwester - die mir nahestehenste Person - erst nach diesem Schritt überhaupt darüber aufgeklärt wieso ich zur Therapie ging.
Was also war denn dieser Schritt?
Ich weiß das noch - als wäre es gestern gewesen. Und dabei ist es Jahre her.
Ich kam von der Gesprächstherapie. Es war meine vorletzte Sitzung. Meine Ehemann holte mich vom Bahnhof ab. Nahm meine Hand und schlug den Weg in Richtung zuhause ein. Aber das wollte ich nicht. Irgendetwas war an diesem Tag anders mit mir. Ich kann euch nicht sagen was es war. Aber ich wusste in diesem Moment wenn ich es jetzt nicht tue - dann tue ich es niemals.
" Schatz? Warte mal bitte. Ich weiß - du willst nachhause. Aber können wir zuerst woanders hingehen.?" " Wo gehen wir denn hin?" " Wir gehen jetzt zur Polizei."
Kaum ausgesprochen erstarrten wir beide für kurze Zeit und doch schlugen wir sofort die andere Richtung ein. Vielleicht aus Angst ich könnte es mir sonst anders überlegen. Mir ging es aufjedenfall so. Auf der örtlichen Polizeiwache angekommen schlotterten mir die Knie. Ich hatte Angst. Keine Ahnung warum - aber sie war da. Diese furchtbare Angst. " Was können wir denn für sie tun?"
Ich sagte dem Mann, dass ich Anzeige erstatten möchte. & ja natürlich fragte er mich weswegen. Darauf war ich aber nicht vorbereitet. Ok - vielleicht doch. Ich meine das war ja klar - was mir aber nicht klar war war, dass an diesem Tag ausschließlich Männer Dienst zu haben schienen. Das konnte ich nicht. Mit Sicherheit stand ich bereits geschlagene fünf Minuten vor dem Tresen und schaffte es dennoch nicht auch nur ein Wort hervor zu bringen.
Bis mir erneut klar wurde, dass wenn ich es jetzt nicht ausspreche ich es niemals aussprechen werde. Also tat ich es.
" Ich möchte Anzeige wegen sexuellen Missbrauches erstatten."
Es wurde still im Raum. Ich weiß noch genau wie sich das angefühlt hat. Ich weiß noch genau wie sehr meine Augen angefangen haben zu brennen und ich gebetet habe bitte nicht auf der Stelle in Tränen auszubrechen. Tobias hielt meine Hand - ganz fest. Die Herren sahen mich an. Sekunden. Minuten und gefühlt sogar Stunden. Bis einer ein Telefon in die Hand nahm - eine weibliche Kollegin "zur Verstärkung" rief und ich zusammen mit ihr in einem Besprechungsraum verschwand. ( Dazu vielleicht später einmal mehr)
Bleiben sie besser zuhause
So komme ich auf einen weiteren Punkt, der mir rückblickend überhaupt nicht gut getan hat.
Die Krankschreibung.
Dazu muss ich jetzt sagen, dass zwischen der Phase über die ich jetzt rede und meiner ersten Zeit in der Therapie 1,5 Jahre liegen. Die erste Gesprächstherapie beendete ich nach ca 8 Monaten. Ungefähr ein Jahr später fiel ich erneut sehr tief. weswegen ich wöchentlich zu einer psychologischen Sprechstunde ging. ( Einzeltherapie )
Scheinbar sofort war der Dame die mir gegenüber saß klar - so kann ich auf keinen Fall zur Arbeit gehen. Ich bekam Anti Depressiva und einen gelben Schein. Ich bekam alle zwei Wochen einen gelben schein - zehn Monate lang.
In dieser Zeit tat ich erstmals absolut nichts. Ich kümmerte mich nicht mehr um den Haushalt, mied soziale Kontakte und ließ mich unfassbar gehen. der Hund war der einzigste Grund mich überhaupt anzuziehen und vor die Tür zu gehen. Naja der Hund und die Tatsache, dass der Einkaufladen keinen Lieferdienst hat.
Ich möchte hier ganz klar sagen, dass diese Zeit die wohl unproduktivste und vor allem für mich schlimmste Zeit meines Weges war. Denn was ich gerade schrieb war mein ernst - ich tat nichts - gar nichts. Und das ist gar nicht mal so leicht. Es ist nicht leicht den ganzen Tag zuhause zu sitzen, sich schlecht zu fühlen, Unmengen zu essen, wie ein Häufchen Elend dazusitzen und einfach nur zu sein. Es ist nicht leicht, wenn einen bereits die einfachsten Aufgaben überfordern. Und nein es ist wirklich nicht leicht sich absolut wertlos zu fühlen.
Ich kann verstehen, dass der ein oder andere jetzt denken mag, dass so eine Auszeit auch mal sein muss - und ja vielleicht hilft so etwas manchen Menschen wirklich weiter. Aber die nun auch noch fehlende Bestätigung aus dem Job - die fehlende Bestätigung etwas wirklich gut zu machen hat mir den letzten Quadratmeter unter meinen Füßen weggezogen.
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